Kelmut – Seite 4

»Entschuldigung«, sagte Kelmut schnell, »es ist nur, dass, mmh, also ich hänge hier ein bißchen fest, ich schaffe es heute einfach nicht, meine Beine zu synchronisieren. Ich komme nicht voran. Sie tun auch weh, zum Teil.«
»Mmmh«, brummte Wurmolux, und versuchte sich vorzustellen, wie man tausend Beine in Einklang bringt, das mußte wirklich schwierig sein, es überstieg seine Vorstellungskraft bei weitem. »Tja, manchmal ist das Leben eigentümlich«, sagte Wurmolux jetzt an Kelmut gewandt, »da haben Sie nun tausend Beine und kommen nicht voran, und ich ich habe nicht ein einziges, sondern ich muß kriechen, robben gewissermaßen, mitten durch den Schlamm, aber ich komme trotzdem wenigstens voran, wenn auch langsam. Stück für Stück winde ich mich durch den Matsch.«
»Jaaah«, seufzte Kelmut, »das Leben ist sonderbar. Und nicht immer gerecht, oder doch?«
»Ich weiß es nicht, – wissen Sie, ich mache Ihnen einen Vorschlag«, sagte Wurmolux, »Sie scheinen ja ganz nett zu sein, wenngleich ich aber der Meinung bin, dass Sie gewissermaßen ein bißchen auf zu großem Fuße leben … höhö, kleiner Scherz. Ich mache Ihnen also den Vorschlag, weil ich nun mal sowieso nichts besseres zu tun habe.«
»Gern«, rief Kelmut neugierig, »was wollen sie vorschlagen?«
»Ich krieche jetzt zu Ihnen hin, bis ich bei Ihnen bin, und dann gehe ich längsseits.«
»Längsseits«? fragte Kelmut erschrocken.
»Ja, längsseits, ein Begriff aus der Schifffahrt.«
Schifffahrt, dachte Kelmut, woher weiß dieser Regenwurm etwas von Schifffahrt? Aber manche Dinge blieben eben unerklärlich.
»Und wenn ich längsseits bin, dann rollen Sie sich auf meinen Rücken und halten sich fest.«
Kelmut begriff, »Sie wollen mich tragen?«
»Ja, genau, Sie sind viel kleiner, da dürfte es kein Problem geben. Aber wehe Sie krallen sich zu fest, … nur ein bißchen vielleicht, und nicht mit allen tausend Füßen!«
»Prima«, rief Kelmut, »das ist eine Superidee!« Und kaum ein paar Augenblicke später war Wurmolux längsseits gegangen, und Kelmut hatte sich irgendwie auf seinen Rücken gerollt und gemeinsam gings nun langsam voran.
»Ach übrigens« sagte Wurmolux, »Sie müssen dirigieren, denn ich bin ein Wurm und ich bin blind!«