Kelmut – Seite 2

Kelmut kroch weiter, dann hob er den Kopf mit seinen Facettenaugen, schaute nach vorne in den dunklen Stollen, dann zur Decke, dann zur Seite, erst nach links, dann nach rechts. Er spürte ein Stechen in irgendeinem Fuß und stieß einen langen tiefen Seufzer aus, einen Seufzer der so tief war, als würde er aus Tausend, oder naja, jedenfalls aus 999 Füßen kommen.
Die Erde bebte, alles zitterte und eben raste nebenan, in dem großen Stollen wieder mal ein solcher Eisenrundfüßler vorbei. Kelmut kannte das schon. Groß waren diese Tiere und unglaublich schnell. Und ihnen schien nie einer ihrer runden Füße zu fehlen, welche sich noch dazu drehten – blitzeschnell und um sich selbst! Unglaublich, was es für eigenartige Spezies gab, dachte Kelmut. Wieviel Rundfüße es wohl sein mochten? Aber der Eisenrundfüßler huschte so schnell vorbei, dass er schon wieder fort war, ehe Kelmut angefangen hatte zu zählen.
Dunkel war’s und matschig im Stollen und jetzt auch wieder ruhig. Vorsichtig hob Kelmut Bein Numero vermutich 834 – nur zu Testzwecken, denn einen Schritt zu machen, das ging jetzt aufeinmal gar nicht mehr. Zu aufwendig war das. Für einen Schritt, da mußte er erst all die anderen Beine anweisen, sie synchronisieren gewissermaßen. Denn nur wenn jeder mitzog, ließ sich ein Schritt ausführen, ohne zu stolpern. Aber genau das war das Problem, vielleicht weil ja einige Füße wehtaten, einer womöglich sogar ganz abhanden gekommen war, ließ sich jetzt einfach gar kein richtig geordnetes miteinander mehr erreichen. Es war als wolle jeder Fuß und jedes Bein in seine eigene Richtung. Gänzlich überfordert kam sich Kelmut vor mit dieser Misere. Schwer frustriert, um nicht zu sagen völlig desillusioniert, man könnte auch sagen: total resigniert, wartete er ab. Eine tausendfache Entmutigung saß ihm in allen Gliedern. Matsch um ihn rum, und Dunkelheit und ein ungemütlicher Stollen. Wieder seufzte Kelmut, sogar noch ein klein wenig lauter als vorhin, und hob Bein Numero 724, das auf der rechten Seite lag, wenn er sich nicht irrte. Denn eigentlich lagen alle graden Beinnummern rechts. Ein einziger beschissener Schritt und tausend Meinungen, die man dafür in Einklang bringen mußte; war das nicht ein schweres Los? Wer hatte sich nur sowas ausgedacht?