Kelmut – Seite 1

Kelmut der Tausendfüßler

Das Leben als Tausendfüßler war schon beschissen, besonders, wenn einem die Füße weh taten und man sich nicht sicher war, welcher. Kelmut war ein stinknormaler Tausendfüßler und er kroch gerade durch einen dunklen Schacht. Es war ein Stollen, ein Nebenstollen genaugenommen, der von den Arbeitern angelegt worden war, die den großen Tunnel gebaut hatten, dort wo mehrmals täglich, laut donnernd und kreischend, dieser riesige Rundfüßler hindurchraste.

Kelmut kroch mühsam weiter, das lag einerseits an dem ziemlich schlammigen Untergrund des Stollens, außerdem daran, dass er nicht besonders gut gelaunt war. Diese scheiß Fußschmerzen gingen ihm mächtig auf den Keks.

Welcher ist es nur, murmelte er, während er weiterkroch und versuchte im Geiste jeden einzelnen seiner Füße durchzugehen? Das funktionierte auch ganz gut – eigentlich, weil die Sache hatte einen Haken: Er kam nur auf 999. Zum dritten Mal war er jetzt schon alle seine Füße durchgegangen, hatte versucht sich jedes einzelnen zu vergewissern, kurz nachgedacht, ob es derjenige war, der am meisten weh tat, und welcher es ungefähr sei, in der relativen Position einer gedachten Fußreihe, und sich schon gefragt, ob er diesem Fuß einen Namen geben sollte, damit er ihn wiedererkannte, falls er beim weiteren Zählen dorthin zurückehren würde.

Aber ehe er noch diese Frage beantwortet hatte, war er schon dabei weiterzuzählen, beim nächsten Fuß angelangt und nahm diesen unter die Lupe. Irgendwie tat heute jeder Fuß ein bisschen weh. In der Mitte oder vorne links vielleicht sogar noch etwas mehr.