Das kleine i – Seite 1

Das kleine i

Das kleine i weinte bitterlich, denn es hatte gerade bemerkt, dass es sein Tüpfelchen verloren hatte.

Habe ich einfach zu viele Worte gemacht, sind es zu viele Texte gewesen, in denen ich mich rumgetrieben habe, fragte es sich? Noch gestern war sein schönes rundes Tüpfelchen sein ganzer Stolz gewesen und es hatte sich sonstwas eingebildet auf seinen runden Hut. Wer hatten denn schon ein solches Tüpfelchen oben drüber? Und viele, weiß Gott viele, so wusste das kleine i verlässlich, waren sehr sehr oft auf der Suche nach einem i-Tüpfelchen. Selbst Leute, die sehr sehr reich waren und alles besaßen, was man sich nur vorstellen kann, die suchten meistens noch nach einem i-Tüpfelchen. Es setzte sich erschöpft auf die Grundlinie hin, jene Linie nämlich, wo Buchstaben nun mal ihren Platz haben und die man auch Schriftlinie nennt.

Da war aufeinmal ein tiefes Brummen zu vernehmen. Vielleicht von zwei, alleinfalls von drei Wortabständen weiter, aus einem Raum, der noch leer war, und wo der Text, der entstehen sollte, noch gar nicht geschrieben war, von dort brummte es. Und dann aufeinmal verstand das i einen Satz, der gesprochen wurde:

»Ich bin das R, das große«, raunte es, »aber ich traue mich nicht raus, ich schäme mich so. Ich habe mein Bein verloren.«

»Ihr Bein?«

»Ja, mein rechtes Bein, das was sonst immer schräg unten raussteht. Und jetzt hält mich jedermann für ein P. Also natürlich nur, wenn man mich sehen tät, denn ich verstecke mich ja im noch ungeschriebenen Raum. »Ich bin aber kein P! ich bin ein R«, jetzt schluchzte es von drüben noch viel lauter, als eben das i geschluchzt hatte.