Das kleine i – Seite 2

»Das tut mir aber leid«, sagte das i, »es sind einfach scheiß Zeiten, man verliert sich selbst an allen Ecken. Wissen Sie«, rief es aufgeregt, »ich kann sie gut verstehen, ich habe seit gestern mein i-Tüpfelchen verloren, das ist ein Scheißgefühl, so unvollkommen …«

»Sind Sie denn ein kleines i?« fragte das R, das durch seine Behinderung zu einem P geworden war.

»Ja, sicher«, antwortete das i, »große i’s haben kein Tüpfelchen. Sie brauchen auch keins, sie sind ja groß«, sagte es etwas nachdenklich.

Jetzt seufzte das R lange. »Ja, jeder hat so sein Persönlichkeitsprofil. Manche sind kleine Leute, manche große, und die großen Leute, wissen Sie, die sind auch nicht immer zufrieden.«

»Sind Sie denn groß?« fragte das i.

»Aber na hören Sie mal«, schimpfte das R, »ich bin ein großes R, und gleich darauf ergänzte es kleinlaut, aber jetzt eben ein P. Ohne Beinstrich ist man nur ein halber Mensch.«

»Was ist denn an einem P so schlecht?« fragte das i und hatte ein bisschen Respekt, denn immerhin sprach es mit einem Großbuchstaben.

»Mmmh«, seufzte das R, »letztlich habe ich nichts gegen P’s, aber ich bin nun mal eigentlich ein R. Und ich fühle mich verdammt noch mal als P nicht wohl in meiner Haut.«

Eine Weile schwiegen sie. Vielleicht bemitleideten sie sich gegenseitig.

Das i scharrte etwas nervös auf der Schriftlinie herum und das R, das aussah wie ein P überlegte unterdessen, welche Wörter denn mit einem großen P anfangen könnten. Aber das einzige Wort, welches ihm einfiel war: »Pisse«.